 Diskussionrunde Ein führender Banker fordert mehr Solidarität der Kreditinstitute mit in die Krise geratenen Unternehmen. „Die Banken sollten wieder stärker bereit sein, gerade dem kleinen Mittelstand in der Krise mit Krediten zu helfen, anstatt nur auf das Risiko zu schauen“, sagte der Bereichsleiter für Sanierungs-, Restrukturierungs- und Insolvenzfälle der Commerzbank, Reinhard Voß, bei einer Diskussionsveranstaltung des Marketing-Clubs Lübeck. Die trug den Titel „Insolvenz als Chance“ und vereinte ausgesuchte Experten zum Thema auf dem Podium: neben Voß Rechtsanwalt Klaus Pannen aus dem Büro der Insolvenzverwalter White & Case, der finanzpolitische Sprecher der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion Otto Bernhardt und den ehemaligen Geschäftsführenden Gesellschafter der Firma Nier, Wilfried Müller. Moderiert wurde die Runde vom Vorstandsvorsitzenden der Drägerwerk AG, Stefan Dräger, und Tourismusdirektor und MuK-Geschäftsführer Johann W. Wagner.
„Aus der Sicht des Betroffenen kann ich Ihnen nur raten: Vermeiden Sie eine Insolvenz unter allen Umständen. Die Chancen, die er für einen Unternehmer birgt, sind gering“, sagte Müller mit Galgenhumor. Er weiß, wovon er spricht. Er hat im Herbst 2005 für sein Unternehmen, das seit 1949 in Hohenlockstedt, Lübeck und Remscheid Autoteile produziert, Insolvenzantrag stellen müssen. Ganz aktuell konnte Pannen dazu berichten, dass nach der Produktionsstätte in Lübeck jetzt auch die Standorte im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt und in Remscheid verkauft worden sind. Dadurch seien mehr als 400 der ursprünglich 500 Arbeitsplätze gerettet worden, davon 70 in Lübeck, sagte Pannen.
„Insolvenz als Chance“ - das klingt ein bisschen nach tröstenden Worten für Betroffene: „Kopf hoch, alles wird gut!“ Doch das deutsche Insolvenzrecht, so das Fazit der Fachleute, biete tatsächlich Chancen, vor allem für das Unternehmen und die Arbeitsplätze. „Der Unternehmer dagegen verliert in vielen Fällen alles: sein im Unternehmen angelegtes Vermögen, sein Häuschen und vielleicht auch noch seine Alterssicherung“, sagte Voß. Zumindest im letzten Punkt wolle die Politik Abhilfe schaffen, versprach Bernhard. Die Union bereite einen Gesetzentwurf vor, der die Alterssicherung des Unternehmers insolvenzsicher machen solle, berichtete er. „Denn die Frage, ob man sich unternehmerisch betätigen soll, hängt eng mit der Frage zusammen, wie man behandelt wird, wenn man scheitert“, sagte der Abgeordnete.
Mit dem Instrument des Insolvenzantrages bei drohender Zahlungsunfähigkeit und der Möglichkeit des Insolvenzplanverfahrens biete das Gesetz heute Möglichkeiten, ein Unternehmen in der Schieflage zu retten und auch den Unternehmer in die Sanierung einzubinden, betonte Pannen. Dazu sei es allerdings wichtig, rechtzeitig mit den Banken zu sprechen. „Das tun viele Unternehmer nicht aus Angst, die Bank könnte ihnen den Geldhahn zudrehen“, sagte er. Das sei in der Vergangenheit tatsächlich gerade bei kleineren Unternehmen geschehen, räumte Voß ein. „Doch auch in dieser Hinsicht sollte bei den Instituten ein Umdenken einsetzen. Wir müssen uns wieder mehr um den kleinen Mittelstand, also um Unternehmen mit weniger als 25 Millionen Euro Umsatz, kümmern. Und wenn wir wollen, dass auch der Unternehmer in der Insolvenz eine Chance bekommt, muss stärker als bisher auf das Insolvenzplanverfahren zurückgegriffen werden“, forderte er.
Einig waren sich alle Teilnehmer der Diskussionsrunde im frisch restaurierten Audienzsaal des Lübecker Rathauses darin, dass der Kündigungsschutz dringend gelockert werden müsse. „Ein kleines oder mittleres Unternehmen, das nicht in der Insolvenz ist, hat in Deutschland praktisch keine Chance, 100 Arbeitnehmer auf einen Schlag zu entlassen, weil der Sozialplan nicht zu bezahlen wäre“, klagte Bernhard und warf SPD und Gewerkschaften in dieser Frage eine Blockadehaltung vor. „Die neuen Eigentümer von Nier machen eigentlich nichts anders, als die alten“, sagte Müller. „Aber sich konnten die 100 Beschäftigten entlassen, die aufgrund der Marktentwicklung überzählig waren.“ Hier stecke die Politik in einem Dilemma, gab Bernhard zu. „Die Politik muss den Ausgleich zwischen vielen verschiedenen Interessen schaffen. Und dem Interesse der Gesellschaft am Erhalt von Arbeitsplätzen steht das Interesse der Gläubiger gegenüber, möglichst viel von ihrem Geld wiederzubekommen.“ sr |