 Peter H. Carstensen Peter Harry Carstensen. Geboren 1947 auf Nordstrand, an der Nordsee aufgewachsen, Studium der Agrarwissenschaften. Seit 1971 Mitglied der CDU, 1983-2005 Mitglied des Deutschen Bundestages, 2000-2002 stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Schleswig-Holstein , seit 2002 Landesvorsitzender der CDU Schleswig-Holstein, 2005 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.Herr Ministerpräsident, erklären Sie doch der nord zu Beginn einmal den Begriff „Kultur" im Allgemeinen und Kultur für Schleswig-Holstein im Besonderen? Kultur ist nicht das Sahnehäubchen auf unserer Gesellschaft, auf das man auch mal verzichten kann, wenn es um die so genannten „harten" Themen geht. Kultur gehört im Gegenteil zu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und hat besonders in Schleswig-Holstein einen sehr hohen Stellenwert. Das Schleswig-Holstein Musik Festival ist in aller Welt bekannt, wir haben in unserem Land Musikerinnen und Musiker, Filmschaffende, bildende Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Meisterwerke schaffen, unser Land prägen und hier zu Hause sind. Kultur ist ein fester und untrennbarer Bestandteil unseres Alltags. Sie haben die Kultur in die Staatskanzlei geholt und so zur Chefsache gemacht, andererseits gibt es jetzt kein Kulturministerium mehr, sondern nunmehr eine ehrenamtliche Kulturbeauftragte. Das hat Ihnen viel Kritik eingebracht. Welchen Stellenwert in Ihrem Regierungsprogramm für die kommenden Jahre hat die Kultur? Das Gegenteil von dem, was die Kritiker mir unterstellen, ist richtig, denn die Kulturpolitik wird künftig im Zentrum der Landespolitik stehen. Das bedeutet: Kultur ist Chefsache, der Chef der Staatskanzlei ist qua Amt auch Kulturstaatssekretär und zusätzlich gibt es eine Kulturbeauftragte. Dazu kommt, dass die Kulturabteilung an die Staatskanzlei angebunden ist. Kultur und Kulturschaffende brauchen einen Ministerpräsidenten, der sich um ihre Interessen kümmert, und genau das will ich tun. Deshalb halte ich die Kritik mancher Kulturverbände für sachlich nicht gerechtfertigt und überzogen. Ich bin übrigens nicht der erste Ministerpräsident, der Kultur zur Chefsache macht. Damals ist dies, wenn ich mich recht erinnere, von den Beteiligten als ziemlich hilfreich empfunden worden. Es wird ja viel über die deutsche Leitkultur gesprochen. Wo sehen Sie die kulturellen Schwerpunkte der Diskussion? Ich halte wenig von solchen Etikettierungen. Kultur ist viel zu bunt und viel zu spannend, um sie in ein Korsett zu zwängen. Das können Sie gerade bei uns in Schleswig-Holstein sehr gut beobachten. Ein gutes Beispiel ist das Schleswig-Holstein Musik Festival mit seinen jährlich wechselnden Länderschwerpunkten: Die Kultur anderer Länder ist eine Bereicherung für uns, im Dialog mit anderen Kulturen liegen auch für uns große Möglichkeiten. Wir in Schleswig-Holstein leben im Übrigen seit langem in einem Land mit kultureller Vielfalt. Dabei denke ich vor allem an das nachbarschaftliche Miteinander diesseits und jenseits der dänischen Grenze und an die unterschiedlichen Sprachen. Ich komme aus Nordfriesland, und erlebe dort seit Jahren und Tag für Tag, dass alles möglich ist: plattdeutsch, friesisch, dänisch und manchmal hochdeutsch. Sie müssen mit weiteren Steuerausfällen rechnen, wenn man den neuesten Schätzungen glauben darf. Ist Kultur für die öffentliche Hand noch bezahlbar oder sollte sich die öffentliche Hand aus der Kulturförderung verabschieden, und Kultur ganz dem freien Markt überlassen? Die Haushaltslage in Schleswig-Holstein ist, wie überall sonst, dramatisch. Das bedeutet, dass wir in allen Bereichen Einschränkungen hinnehmen müssen. Wenn wir das nicht tun, werden wir in kürzester Zeit nicht mehr handlungsfähig sein. Die Kulturschaffenden in Schleswig-Holstein wissen das, und ich werde mit ihnen sehr offen darüber reden, wenn wir uns im Juni in Salzau treffen. In meiner Regierungserklärung habe ich schon darauf hingewiesen, dass wir auch in der Kultur mit einer geringeren Finanzausstattung leben müssen. Auch dies war übrigens mit ein Grund, sie in die Staatskanzlei zu holen. Wir müssen das Kunststück hinkriegen, die Spielräume für Kultur trotz knapper Kassen zu erweitern und uns dabei stärker auf das ökonomisch Machbare zu konzentrieren. Mir geht es darum, der Kultur zusätzliche, stärkere Verbindungen zu ermöglichen: etwa zum Tourismus, zur Wirtschaft oder zu Europa. Wir müssen die Potenziale der Kultur besser vermarkten, ohne sie zu verkaufen. Das gilt übrigens nicht nur für Markenzeichen wie das Schleswig-Holstein Musik Festival oder Jazz Baltica, sondern auch für die zunehmend erfolgreicher werdenden regionalen Ereignisse. Wie sehen Sie die Verbindung von Kultur und Wirtschaft? Kommt der Kunst und der Kultur die Rolle eines unabhängigen, mahnenden Gegenübers zu oder sollte die Kultur stärker in die Wirtschaft eingebunden werden, um zu einer „wirtschaftlicheren Kultur" zu kommen - und vielleicht auch zu einer „kultivierenden Wirtschaft"? Die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Kultur sind in Schleswig-Holstein traditionell sehr eng, und ich bin froh darüber, dass sich unsere Unternehmer äußerst aktiv an der Kulturförderung beteiligen. Sie tun das im Übrigen ohne Versuche, Einfluss zu nehmen, und das soll auch so bleiben. Natürlich ist auch Kultur wirtschaftlichen Zwängen unterworfen, jeder Kulturschaffende, der von seiner Arbeit leben will, weiß das. Ich möchte dazu beitragen, die Unabhängigkeit der Kultur in Schleswig-Holstein zu erhalten. Nochmal: Kultur muss ihre Potentiale besser vermarkten, aber sie darf sich nicht verkaufen. Lübeck ist bei der Entscheidung über die Kulturhauptstadt Europas 2010 inzwischen ausgeschieden. Teilen Sie die Auffassung, dass Kultur für Lübeck ein entscheidender und förderungswürdiger Standortfaktor ist? Daran besteht überhaupt kein Zweifel. Lübeck hat in der Bewerbung gezeigt, wie vielfältig das kulturelle Leben der Stadt ist. Es ist natürlich schade, dass es am Ende nicht gereicht hat. Der Auftritt Lübecks hat sich aber jetzt schon bezahlt gemacht. Die Stadt hat mit viel Professionalität die Werbetrommel gerührt, das wird sich im Sommer sicher auch an den Besucherzahlen zeigen. Trotz der gescheiterten Nominierung sind deshalb Kunst und Kultur in der Hansestadt die großen Gewinner. Schleswig-Holstein setzt auf einen Strukturwandel vor allem auch durch Tourismus und Kultur. Was sagen Sie Ihren Ministerpräsidentenkollegen, damit Sie ihren Urlaub in Schleswig-Holstein machen sollen? Sie werden lachen, die meisten von ihnen waren schon oft hier und kommen immer wieder. Sie wissen, dass ihnen, wenn sie hier Urlaub machen, eine Menge geboten wird. Die Kombination von Spitzenkultur aller Sparten mit wunderbarer Landschaft, aufgeschlossenen Menschen und einer exzellenten Gastronomie ist wirklich etwas ganz Besonderes. Mit diesem Pfund müssen wir in Zukunft noch mehr wuchern. Sie sammeln Kunst aus dem Internet. Nach welchen Kriterien lassen Sie sich bei der Suche leiten? Ich sammle Bilder dänischer Landschaftsmaler, von denen ich einige bei ebay ersteigert habe. Aber es gibt auch eine Menge Stücke von jungen Künstlerinnen und Künstlern, die ich auf Ausstellungen erworben habe. Was werden Sie bei Ihrem nächsten Besuch in Lübeck auf alle Fälle besuchen? Ich würde mir gerne die Thomas Mann-Ausstellung in der Katharinenkirche ansehen. NORD-Interview: Frank Baake und Wolfgang Mayer |