 Dr. Christian Kuhnt Sein Name ist untrennbar mit der kontinuierlichen Erfolgsstory des Schleswig-Holstein Musik Festivals in den vergangenen sechs Jahren verbunden. Als Ideen gebender Dramaturg und seit Anfang 2003 als stellvertretender Intendant bzw. als Direktor „Künstlerische Planung" zeichnet Dr. Christian Kuhnt in vorderster Reihe für die Programmgestaltung beim SHMF verantwortlich. Geboren wurde der 38-Jährige Sohn eines Kantors in Mainz. Aufgewachsen ist er auf der hessischen Rheinseite, wie Christian Kuhnt betont, in „einem schönen Industriedorf mit der MAN-Fabrikation als Fixstern". Zuerst dem klassischen Schlagzeug zugeneigt, entschied sich Kuhnt zu einem Studium der Musikwissenschaften in Frankfurt und wechselte später nach Hamburg. 1996 absolvierte er im Rahmen eines Stipendiums der Kurt-Weill-Foundation einen Forschungsaufenthalt in New York. Im Jahr 2000 promovierte Kuhnt mit einer Arbeit über „Kurt Weill und das Judentum". Beim SHMF begann er 1999 zunächst als Dramaturg und rückte 2003, nach dem Ausscheiden Christoph Eschenbachs aus der künstlerischen Leitung, in die Position des Stellvertreters von Intendant Rolf Beck. Mit Dr. Christian Kuhnt sprach NORD-Mitarbeiter Joachym Ettel. Warum entschieden Sie sich für die Musik? Warum nicht beispielsweise Industriedesign bei MAN? Ich stamme aus einem streng protestantischen Elternhaus mit Zwangsverpflichtung zu Blockflöte und Chorgesang, was mir die Musik zunächst nicht unbedingt näher gebracht hat. Mit 15 Jahren hab ich dann angefangen Schlagzeug zu spielen. Zunächst sehr stark Rock und Fusion orientiert, dann auch Jazz. Und auch die Liebe zur klassischen Musik, der ich bis zu diesem Zeitpunkt mit einer pubertären Oppositionshaltung gegenüber gestanden hatte, entwickelte sich ungewöhnlicherweise über das Schlagzeug. Für meinen Vater begann die Musikgeschichte mit Bach und endete mit Bach. Schlagzeug war für mich Rebellion. Dann lernte ich die Musik von Strawinsky kennen und war total hin und weg. So bin ich über die Musik des 20. Jahrhunderts überhaupt zur Klassik gekommen. Ich war es gewohnt in meinen Semesterferien zu arbeiten und zwar irgendwo am Band. Nachdem ich bei der schönen Firma Kühne, vier Wochen zwischen Gurken und Senf zugebracht hatte, suchte ich mir einen Job bei einer Plattenfirma, um näher an der Musik zu sein. Bei Teldec habe ich mich von der Rezeption in die PR-Abteilung hochgearbeitet, wo ich fünf Jahre tätig war. Das hatte etwas mit der Vermittlung von Musik zu tun. Da ist in mir auch die Leidenschaft geweckt worden, mich auf der einen Seite für Konzepte zu interessieren, gleichzeitig aber über das „Verkaufen von Klassik" im positivsten Sinn, eine Brücke zu schlagen zwischen der Kunst und den Menschen. Wie kam es zu ihrem Engagement beim SHMF? 1998 traf ich dann Herrn Beck bei einem Empfang. Er war damals designierter Intendant und ich arbeitete als Aushilfe in der Dramaturgie. Wir kamen ins Gespräch, es folgte ein Treffen und ab 1999 war ich auf einmal im Team Eschenbach-Beck neu integriert. Ich fand es von Anfang an toll, der Herausforderung ins Gesicht zu schauen. Nach dem Pioniergeist der Anfangsjahre war das einzig Richtige, ein über starke Inhalte geprägtes Festival zu machen. Der Job des Dramaturgen gibt ja ein sehr heterogenes Berufsbild ab. Ein Dramaturg am Theater hat andere Aufgaben als ein Dramaturg bei einem Musikfestival. Hat dieser nicht vielmehr eine Kurator-Funktion, spannende Projekte anzuregen, Musiker und Werke miteinander zu konfrontieren, die sonst nicht in einem Konzert zu hören wären? Mit dem Hintergrund meiner Erfahrungen bei der Plattenfirma, war es für mich natürlich interessant zu sehen, was macht eigentlich das SHMF, um das vielseitige Programm an den Mann zu bringen. Und da gab es Riesen-Defizite. Ich habe mich zunächst auf die Vermittlung gestürzt, habe mit den Leuten in den Städten gesprochen mit der Maßgabe, ob man den jeweiligen Länderschwerpunkt nicht von unterschiedlichen Facetten aus beleuchten könnte. Und da kam so viel Feedback, so viel Potential trat zutage, dass bislang nie genutzt worden war. So war meine erste Zeit beim SHMF geprägt von dieser vermittelnden Aufgabe. Ich sehe die Dramaturgen sehr stark gefordert, zu erklären: Was machen wir? Was sind die Hintergründe? Wie kommen wir auf unsere Ideen? Mit dem Programmbuch, das wir seit vergangenem Jahr herausbringen, haben wir auch in dieser Hinsicht eine Lücke geschlossen. Wichtig ist natürlich auch, dass wir Schleswig-Holstein immer besser verstanden haben. Itzehoe ist etwas anderes als Lübeck und Lübeck etwas anderes als Kiel. Jede Stadt, jeder Spielort hat seine großen Vorzüge und wichtig ist, darauf einzugehen. Länderschwerpunkt in diesem Jahr ist Japan. Wie kam es zu dieser Wahl? Japan hat sich ja der westlichen Kultur gegenüber geöffnet, wie kein anderes Land des fernen Ostens. Von dort kommen eine ganze Reihe hervorragender Klassik-Interpreten. Ja, aber uns hat eher das Fremde an dem Thema gereizt als Kontrast zu den vielen europäischen Schwerpunkten und den USA, deren klassische Musik genau genommen auch europäischen Ursprungs ist. Beim Thema Japan mussten wir ausgiebig mit Klischees kämpfen. Ähnlich wie beispielsweise beim Thema Spanien, das mit Bildern des andalusischen Südens, mit Stierkampf und Flamenco verbunden ist, galt es auch bei Japan Klischees abzubauen bzw. mit ihnen zu spielen. Eines der Geheimnisse unserer Arbeit ist das Korrektiv durch die Fachleute, aktuell vom japanischen Kulturinstitut in Köln, ohne das viele der bevorstehenden Konzerte nicht realisiert worden wären. Neben dem natürlich wichtigen Engagement von Stars der internationalen Szene wie Midori und Uchida, war uns in Bezug auf die japanische Musik wichtig, authentisch zu sein und in die Tiefe zu gehen. Wir wollten ja kein Tourismusprogramm einkaufen mit traditioneller Musik zum Kuscheln. Zumal die Japaner mit der gleichen Fremdheit ihrer eigenen traditionellen Musik gegenüberstehen wie wir. Japan ist heute musikalisch von der westlichen Musik des 19. Jahrhunderts geprägt. Die haben mit Nô-Theater ebenso wenig Erfahrung wie die Europäer. Das wird erst jetzt intensiv versucht zu korrigieren. Ich glaube, uns ist es mit dem neuen Programm ganz gut gelungen, eine Spannung herzustellen zwischen diesen Parallelwelten in der japanischen Musik. Es hat sich in den vergangenen Jahren herauskristallisiert, dass bestimmte Spielorte als feste Größen direkt in die Planung eingebunden werden. Beispielsweise das Hamburger Kampnagel Gelände als Spielstätte der zeitgenössischen „Anbruch"-Reihe und die Kirchen natürlich für vorwiegend sakrales/liturgisches Repertoire. Wie würden Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Lübecker MuK einordnen? Es klingt zwar immer nach abgedroschenen Werbesätzchen, aber für uns ist und bleibt die MuK eine wahre Schmuckschatulle. Hier können wir einfach alle groß besetzten Konzerte durchführen. Auch wenn wir mal ein Repertoire aufführen wollen, dass aus der Zeit nach 1945 stammt, geraten wir nicht in den Zwiespalt, dass der Raum dafür nicht geeignet wäre. Entsprechend haben wir in Bezug auf die MuK eben sehr große Freiheiten für unsere Planung. Und wir sehen es auch in diesem Jahr: Die Lübecker Konzerte werden sehr gut angenommen. NORD-Interview: Joachym Ettel |