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Wir werden schneller alt, als uns lieb ist Drucken E-Mail
07.03.2006
Ursula Lehr
Ursula Lehr
Vortrag der Gerontologin Ursula Lehr beim Marketing Club

Das Alter eines Menschen ist scheinbar ein unumstößliches Faktum. Das Geburtsdatum steht fest und 70 Jahre sind nun mal 70 Jahre. Doch fast jeder ahnt, dass Alter etwas sehr relatives ist, denn alt sind immer nur die anderen. Das mag das große Interesse an einer Veranstaltung des Marketing Clubs Lübeck mit der Psychologin und Gerontologin Professor Ursula Lehr erklären.

Rund 100 Mitglieder und Gäste aller Altersklassen drängten sich im Restaurant des Seniorenwohnsitzes „Rosenhof“ in Lübeck-Travemünde, um die ehemalige Bundesministerin für Familie, Frauen und Senioren zu hören.  „Der demographische Wandel und die Generation 50+ - eine Herausforderung auch für Wirtschaft und Handel“, so lautete der etwas sperrige Titel ihrs Vortrags.

Mit anderen Worten: Wir alle werden älter, und das schneller, als uns lieb ist.

Schon Ursula Lehrs Begrüßung ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. „Liebe Jugend von gestern und vorgestern, liebe Senioren von morgen und übermorgen“ – bei diesen Worten musste doch der eine oder andere von den unter Fünfzigjährigen schlucken.  Rasch skizzierte die Referentin, selbst inzwischen 75,  die demographische Entwicklung, deren Fakten ja seit Jahren bekannt sind. Die Menschen werden immer älter, es werden immer weniger Kinder geboren.

Um 1890 kamen auf einen über 75-Jährign noch 79 Menschen unter 75. Heute stehen einem über 75-Jährigen noch 11,9 jüngere gegenüber, bis zum Jahr 2040 wird sich dieses Verhältnis auf 1:6,2 verschoben haben. „Ganz dramatisch wird es, wenn wir die Altersgruppe unter 75 aufschlüsseln. Denn auf einen über 75-Jährigen werden 2040 gerade noch 1,6 20- bis 40-Jährige kommen. Müsliriegel und Babynahrung können Sie als Produzenten dann vergessen“, prophezeite Lehr.

Die Gründe, die Lehr nannte,  sind bekannt:  Geburtenrückgang – Deutschland liegt im Europavergleich an drittletzter Stelle vor Griechenland, Italien und Schlusslicht Spanien – und die gestiegene Lebenserwartung – sie betrug um 1900 rund 45 Jahre, ein heute geborenes Mädchen hat dagegen eine Lebenserwartung von 82 Jahren.  Doch auch die Biographien hätten sich verändert, so Lehr. „Als Bismarck die Sozialversicherung einführte, begann das Arbeitsleben mit 15 und endete mit 70, viele erreichten das Rentenalter gar nicht, sondern starben vorher.

Heute beginnt das Berufsleben bei uns mit etwa 25 Jahren, und wer mit 60 in Rente geht, hat ein Viertel seines Lebens noch vor sich“, sagte sie.  „Wir sind eine Gesellschaft ohne Mitte, gehen vom BAföG in die Rente und Familien mit zwei Rentnergenerationen sind keine Seltenheit mehr.“ Sie plädierte für einen „neuen Lebenszeitkalender“: Man müsse das Alter neu definieren, wer mit 70 noch fit sei, müsse nicht mit 55 arbeitslos und mit 60 Rentner werden, so Lehr.


So problematisch die demographischen Veränderungen für die sozialen Sicherungssysteme seien, sagte die Referentin, hier tue sich auch ein riesiger Markt auf. „Ältere Menschen sind heute länger aktiv und länger attraktiv, sie haben Zeit und Geld und wollen es auch ausgeben.“  Dazu müssten aber Handel, Dienstleister und Industrie auf die Bedürfnisse der Älteren eingehen. „Kleine Schrift, knifflige Verpackungen, winzige Tasten und Schalter bereiten älteren Menschen Probleme.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Hörgeräte hier im Haus in den Schubladen liegen, weil ihre Besitzer mit den Minischaltern nicht zurechtkommen“, wetterte die Wissenschaftlerin und frühere CDU-Politikerin.  Auch die Tourismusbranche müsse sich rechtzeitig umorientieren, forderte sie: „Der klassische Familienurlaub wird aussterben. Dafür kommen neue Typen von Reisenden: Scheidungsväter mit kleinen Kindern, Großeltern mit ihren Enkeln, aber auch Großeltern mit den pflegebedürftigen Urgroßeltern, auf diese Reisenden müssen sich die Orte einstellen!“


Ein Problem bei der Analyse der Wünsche und Bedürfnisse der Generation 55+ räumte Lehr selbst ein: „Die Zielgruppe ist sehr heterogen. Die heute 55-Jährigen sind mobil, gut ausgebildet und finanziell meist gut gestellt. Doch unter den heute 75-Jährigen seien viele Frauen mit niedriger Rente, die ihr Geld sparen, um den Kindern nicht zur Last zu fallen.“



Text: em


 

 
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